Anti-Atom-Berlin


Mit dem Kompromiss zur Endlagersuche haben sich Union, SPD und Grüne auf ein dubioses Verfahren geeinigt. Anti-Atom-Proteste sind deshalb so nötig wie in der Vergangenheit, meint Frank Eßers

Foto: fuchsNetFoto: fuchsNetEs gibt Sätze, die mit der Realität nichts zu tun haben. Aber sie schreiben sich so schön, dass Journalisten bürgerlicher Medien diesen kaum widerstehen können. Dass der Bund-Länder-Parteien-Kompromiss zur Suche nach einem atomaren Endlager eine »historische Einigung« sei, ist so ein Satz. Er suggeriert, dass der jahrzehntelange, von heftigen Auseinandersetzungen geprägte Streit um einen Endlagerstandort beendet ist. Die Halbwertszeit solcher Sätze ist kürzer als die des radioaktiven Jod 131, d.h. weniger als 8 Tage. Bereits am Tage der Aushandlung des Kompromisses am gestrigen Dienstag protestierten Anti-Atom-AktivistInnen aus mehreren Bundesländern vor der niedersächsischen Ländervertretung in Berlin, wo der Kompromiss ausgehandelt worden ist.

Der Widerstand geht weiter

Unmissverständlich machten sie klar, dass sich Umweltminister Altmaier (CDU), SPD-Chef Sigmar Gabriel und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin gewaltig irren, wenn sie glauben, Ruhe an der Atomfront geschaffen zu haben. Der Widerstand gegen die Atompolitik werde weitergehen. Bei dieser Ankündigung handelt es sich nicht um das sture Beharren einer Minderheit, denen ihr Protestthema abhanden gekommen zu sein scheint. Im Gegenteil: Der Kompromiss ist dermaßen fadenscheinig, dass weitere Proteste nicht nur zu erwarten, sondern notwendig sind. Da ist zunächst das dubiose Verfahren zu nennen, sich auf ein Endlager zu einigen. Sinn macht die Einrichtung einer Kommission, die Kriterien zur Endlagersuche festlegen soll, nur, wenn der Bundestag Antworten, die eine solche Kommission erst liefern soll, nicht bereits vorher in ein Endlagersuchgesetz liefert. Doch der gestern gefundene Kompromiss sieht genau das vor: Bis zur parlamentarischen Sommerpause soll ein Gesetz verabschiedet werden, noch bevor die Kommission überhaupt Ergebnisse präsentieren kann. Das ist so, als wenn eine Hygienevorschrift in Krankenhäusern vorsehen würde, dass Ärzte erst zu operieren haben, bevor sie sich die Hände desinfizieren dürfen. Eine solche Verfahrensweise macht keinen Sinn, könnte man annehmen. Doch die beteiligten Parteien denken anders: Vor der Bundestagswahl im September kann die Union nun damit werben, angeblich ein großes Streitthema im Konsens mit SPD und Grünen beigelegt zu haben. SPD und Grüne hingegen können darauf verweisen, sich einer angeblichen »Lösung« nicht aus wahltaktischen Gründen verweigert zu haben. Außerdem können sie versprechen, alles im besten Sinne zu regeln – vorausgesetzt natürlich, die Wählerinnen und Wähler machen ihre Kreuze an den »richtigen« Stellen und geben Rot-Grün ihre Stimmen.

Schummeleien und Schadenersatz

Ein dicker Brocken, der eine zufriedenstellenden Lösung ebenfalls blockiert, ist, dass Gorleben als möglicher Endlagerstandort weiterhin »im Rennen« bleibt. Dabei ist Gorleben als Standort ungeeignet. Das Deckgebirge über dem Salzstock ist brüchig und schottet die Salzkammern, in denen hochradioaktiver Müll gelagert werden soll, nicht ab. Es besteht die Gefahr, dass radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangen. Da der Salzstock nicht dicht ist und Salz bekanntlich wasserlöslich ist, könnte Gorleben absaufen - wie Asse II, ein Lager für schwach- bis mittelradioaltiven Müll in Niedersachsen. Die zahlreichen Manipulationen, Schummeleien, Betrügereien, halben Wahrheiten und ganzen Lügen bei der Erkundung und dem Betrieb von Atommülllagern in Deutschland sind gut dokumentiert. Der gestern gefundene Kompromiss zur Endlagersuche berücksichtigt das kaum. Vertrauen schaffen sieht anders aus. Unmissverständlich hat die Atomindustrie erklärt, dass sie an Gorleben als potentiellem Endlagerstandort festhalten will. Für die Suche nach alternativen Standorten will sie auch nicht zahlen. Es spräche nichts gegen Gorleben, behauptet der Lobbyverband Deutsches Atomforum. Und weiter: »Für die Übernahme zusätzlicher Kosten durch die Betreiber infolge alternativer Standorterkundungen vor einer abschließenden Bewertung zur Eignung Gorlebens gibt es nach unserer rechtlichen Auffassung keine Grundlage.« Das ist eine Drohung an die Politik – und keine leere. Erfolgreich hat der Energiekonzern RWE vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen die Abschaltung seines Atommeilers Biblis nach dem Gau von Fukushima geklagt. Dem Land Hessen droht damit eine Klage auf Schadenersatz: RWE verlangt 190 Millionen Euro. Gestärkt durch dieses Urteil, kann die Atomindustrie darauf hoffen, die Kosten für eine Endlagersuche auf den Staat (also die Steuerzahler) abzuwälzen. Das schlüge mit mindestens 1,6 Milliarden Euro zu Buche. Allein diese Drohung dürfte dazu verführen, dass Union, SPD und Grüne (die FDP tut dies sowieso) an Gorleben festhalten. Und selbst dann, wenn Gorleben geeignet wäre: Durch die langen Auseinandersetzungen, die vielen Lügen und das dabei entstandene Misstrauen gegenüber der Politik ist Gorleben als potentieller Standort politisch verbrannt.

Atomkraft ist noch längst nicht Geschichte

In der öffentlichen Debatte unterschlägt die Bundesregierung zudem, dass es bei dem Kompromiss nicht nur um die Lösung vergangener Probleme geht. Denn es laufen in Deutschland immer noch 9 Reaktoren, die tagtäglich hochradioaktiven Abfall produzieren. »Trotz Atomausstiegs-Beschluss ist Deutschland in der EU nach Frankreich das Land, das mir seinen Atomkraftwerken jährlich am zweitmeisten Atommüll produziert«, stellt die Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt richtig fest. Daran ändert der Kompromiss nichts. Im Gegenteil: Mit dem Verweis auf Atomausstiegsbeschluss und Endlagersuchgesetz können Atomfreunde und Bundesregierung behaupten, dass alles zum Besten geregelt ist – und es keinen Grund mehr für Widerstand z.B. gegen Atommülltransporte gibt. Zumindest bis 2022 können die Energiekonzerne also so weitermachen wie bisher – nun mit dem Vorteil ausgestattet, dass jeder Anti-Atom-Widerstand sich zu rechtfertigen hat. Ob dann 2022 tatsächlich das letzte AKW abgeschaltet wird, ist keineswegs sicher. Möglich ist auch, dass die Debatte in ein paar Jahren von vorne losgeht und ein erneuter Ausstieg aus dem Ausstieg droht. Die Klage von RWE könnte da nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Gegenwärtig laufen weltweit 437 AKWs. Historischer Höchststand war im Jahr 2006 mit 441 Reaktoren. Kurzzeitig sank die Zahl der AKWs leicht, bis mit wiederum 441 Reaktoren im Jahr 2010 der Höchststand wieder erreicht war.
Weltweit werden derzeit 56 Atomkraftwerke gebaut. 10 Länder, die bisher keine Kernkraftwerke hatten, planen den Einstieg in die Atomkraft. Bisher gibt es nur ein einziges Land, das einen Atomausstieg vollzogen hat: Italien hat 1986, nach dem Tschernobyl-Gau, seine vier Reaktoren stillgelegt. Neben Deutschland planen vier weitere Ländern einen Atomausstieg. Doch Fukushima scheint schnell vergessen. Japan hat seine Ausstiegsankündigungen nach einem Regierungswechsel faktisch wieder zurückgenommen und auch Spanien rudert zurück. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt global keinen Trend Richtung Ausstieg, neue AKWs sind im Bau und genau das liefert der deutschen Atomlobby weiterhin Argumente, die noch laufenden 9 Reaktoren länger als geplant am Netz zu lassen. Es geht hier nicht darum, zu spekulieren, wie wahrscheinlich ein erneuter Ausstieg aus dem Ausstieg in Deutschland ist. Es bleibt allerdings festzuhalten, dass sich die derzeitige politische Lage auch ändern kann und der angekündigte Atomausstieg keineswegs unumkehrbar ist.

Verantwortungsvolle Endlagersuche

Wie sähe dann ein verantwortungsvolles Verfahren zur Endlagersuche aus? Ganz anders als das von Union, SPD und Grünen nun gewählte. Zum Beispiel so: Erstens muss Gorleben aus der Liste potentieller Standorte gestrichen werden. Zweitens: Der Atomausstieg muss unumkehrbar abgeschlossen sein, bevor man sich auf einen Standort einigt. Der »Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland« (BUND) drückt es so aus: »Ein sog. Endlager, das den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke ermöglicht und so die Atommüllberge weiter wachsen lässt, ist nicht akzeptabel und wird überall zu Recht auf Widerstand stoßen.« Aus den negativen Erfahrungen der Vergangenheit lässt sich laut .ausgestrahlt die Schlussfolgerung ziehen, dass es »keine ehrliche und auf die größtmögliche Sicherheit bezogene Entsorgungsdebatte geben« wird, » solange sich mit dem Betrieb von AKW noch viel Geld verdienen lässt«. Drittens: Die Öffentlichkeit muss nicht nur beteiligt werden, sondern muss auf das Verfahren und auf die letztendliche Entscheidung auch DIREKTEN Einfluss haben (»direkt« ist das Schlüsselwort: groß geschrieben, gefettet und unterstrichen). Über Beteiligung an einer Bundestags- oder Landtagswahl ist dieser nicht gesichert. Allein die schlechte Erfahrung mit dem wachsweichen rot-grünen Atomkompromiss unter der Regierung Schröder, der dann zunächst von Schwarz-Gelb aufgekündigt wurde, spricht Bände. Viertens: In dem ganzen Verfahren müssen Experten, die Einfluss nehmen, die unabhängig von der Atomindustrie sein. Alle Gutachten und Unterlagen müssen veröffentlicht werden und für jeden leicht zugänglich sein. Fünftens: Betroffene, Bürgerinitiativen, Umweltgruppen, betroffene Kommunen müssen sich in der Lage sehen, selbst ein kompetentes Urteil bilden zu können – auch durch die Beauftragung selbst gewählter Fachleute. Die entsprechenden Kosten müssen vom Staat finanziert werden. Sechstens: Für die Auswahl eines Standortes dürfen nur fachlich zu rechtfertigende Argumente gelten. Finanzielle Vorbehalte dürfen nicht zählen. Denn das Auswahlverfahren für einen Endlagerstandort muss als oberste Maxime die Sicherheit eines Endlagers haben. Sechstens: Erst wenn die obigen Punkte gewährleistet sind, kann man sich auf Kriterien zu einer Endlagersuche einigen. Siebtens: Stehen die im gesellschaftlichen Konsens erarbeiteten Kriterien fest, können Standorte benannt und dann untersucht werden – in dieser Reihenfolge. Umweltminister Altmaier hat diesbezüglich nichts geboten. Trotzdem haben sich SPD und Grüne auf das Verfahren eingelassen. Es kann also kaum verwundern, wenn die Anti-AKW-Bewegung weiter demonstrieren wird. Je größer die Proteste, desto besser.

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